{"id":234,"date":"2025-09-26T13:15:19","date_gmt":"2025-09-26T13:15:19","guid":{"rendered":"https:\/\/steinzeitbirnen.moeglichraum.ch\/?p=234"},"modified":"2025-09-26T13:15:19","modified_gmt":"2025-09-26T13:15:19","slug":"muster-im-stress","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/steinzeitbirnen.moeglichraum.ch\/index.php\/2025\/09\/26\/muster-im-stress\/","title":{"rendered":"Muster im Stress"},"content":{"rendered":"\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Es ging hoch her in der Lehrersitzung. Ausl\u00f6ser war das Problem, dass ein Sch\u00fcler  in der Pause mit provokantem Verhalten und Regelverst\u00f6ssen eine belastende Situation erzeugte, die sich schwer h\u00e4ndeln liess. Die aufsichtsf\u00fchrende Lehrerin beschloss, das in der Lehrersitzung zur Sprache zu bringen. Jede Aufsichtsperson handelte bis dato im Umgang des Sch\u00fclers anders: Die einen machten Zugest\u00e4ndnisse, er konnte dann machen, was er wollte. Die anderen pochten auf die Einhaltung der g\u00fcltigen Regeln, was dieser Sch\u00fcler nicht wollte. Also gab es \u00c4rger. <br><br>So k\u00f6nne es nicht weitergehen, fand diese Lehrerin. Es musste eine einheitliche Regelung und Reaktion her. Dieser Sch\u00fcler brauche eine verl\u00e4sslichere Struktur.<br><br>Das war gut beobachtet von der Lehrerin. Wer nun erwartet, dass sich die Lehrerrunde zusammen ruhig und professionell auf Massnahmen geeinigt h\u00e4tte, um diese Struktur herzustellen, irrt: Sie begannen zu streiten! <br><br>Die einen fanden, es m\u00fcssen starke Strafen eingef\u00fchrt werden, harte Konsequenzen etc., sonst lerne er nicht, sich anzupassen. <br>Andere fanden, das k\u00f6nnten sie nicht durchsetzen, das \u00fcberfordere sie. Jemand anderes m\u00fcsse sich um diesen Sch\u00fcler k\u00fcmmern, wenn sie Aufsicht h\u00e4tten. Mehr Personal m\u00fcsse her! Die Schulleitung m\u00fcsse sofort etwas tun!<br>Die dritte Gruppe fand, dass es nicht die Schuld des Sch\u00fclers w\u00e4re. Wenn die aufsichtsf\u00fchrenden Lehrer sich einf\u00fchlsamer und verst\u00e4ndnisvoller auf den Sch\u00fcler einlassen w\u00fcrden, w\u00fcrde das Verhalten aufh\u00f6ren. Das Verhalten des Sch\u00fclers w\u00e4re also eine Reaktion auf das falsche Verhalten der anderen Lehrpersonen.<\/pre>\n\n\n\n<p>Nun w\u00e4re das zun\u00e4chst eine lustige Episode aus dem Alltag einer Schule, doch wenn man den Blick schweifen l\u00e4sst in andere Schulen, Wohngruppen etc., stellt man fest: Da gibt es ein Muster dahinter! In anderen Teams findet sich derselbe Konflikt und es findet sich meist auch diese seltsame Gruppenbildung. Dabei ist es egal ob das Lehrer, Sozialp\u00e4dagogen oder Laien sind. Die Gruppen fallen immer \u00e4hnlich aus. Wieso weicht das Ideal des gemeinsamen, professionellen p\u00e4dagogischen Handelns im Umgang mit provozierendem Verhalten dieser wenig hilfreichen Gruppenbildung?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ursache f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen findet sich nat\u00fcrlich im Gehirn: Es ist die Tatsache, dass das Verhalten des Jugendlichen das Angstzentrum in den Gehirnen der Betreuungspersonen aktiviert hat. Die Amygdala. Wie schon erw\u00e4hnt, ist die Amygdala nicht gerade ein guter Ratgeber, denn sie kennt nur drei Verhaltensoptionen: K\u00e4mpfen, Fliehen oder Totstellen. Um das zu unterst\u00fctzen, sch\u00fcttet sie Stresshormone aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die Stressreaktion bereits angelaufen ist kommt mit einiger Versp\u00e4tung der pr\u00e4frontale Kortex dazu: Er interpretiert die Situation auf der Basis der jetzt bestehenden Gef\u00fchlslage und versucht, eine sozial akzeptable Handlungsoption zu finden. Es w\u00e4re schwierig, wenn eine Lehrperson in solch einer Situation tats\u00e4chlich k\u00e4mpfen oder fliehen w\u00fcrde. Totstellen w\u00e4re auf dem Pausenplatz auch irgendwie deplatziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wirken Verhaltensmuster, die dazu da sind, den starken Gef\u00fchlen, die eine gestresste Amygdala ausl\u00f6st, ein Ventil zu verschaffen. Anders herum: Das Gehirn befindet sich im Stressmodus. Das schlechte Gef\u00fchl braucht eine L\u00f6sung oder wenigstens ein Ventil, an dem es sich entladen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Was passiert also in dem vorher beschriebenen Team, dass sich streitet? Christoph G\u00f6ttl (2015) beschreibt, wie die meisten Teammitglieder aufgrund dieses Einflusses der Amygdala dazu neigen werden, in einem der drei folgenden Muster zu reagieren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li class=\"has-background\" style=\"background-color:#f2efef\"><strong>T\u00e4ter<\/strong>: Nach vorn gerichtet, aggressiv, herausfordernd (\u00ab<em>Das werde ich nicht durchgehen lassen<\/em>\u00bb, \u00ab<em>Das muss harte Konsequenzen geben<\/em>\u00bb, etc.). Entscheidend ist der Zorn, den eine Person versp\u00fcrt. Der Zorn identifiziert den T\u00e4terstatus. Die Amygdala signalisiert \u00ab<em>K\u00e4mpfen<\/em>\u00bb.<\/li>\n\n\n\n<li class=\"has-background\" style=\"background-color:#f2efef\"><strong>Opfer<\/strong>: R\u00fcckzug, Flucht. (\u00ab<em>Ich kann mit dem nicht arbeiten\u00bb, \u00abDen k\u00f6nnen wir bei uns nicht haben<\/em>\u00bb, \u00ab<em>was wird mir hier zugemutet<\/em>? \u00bb, etc.). Der Opferstatus resultiert aus Angst, die Angst aktiviert in diesem Fall einen Flucht- oder Abwehrreflex. Die Amygdala signalisiert \u00ab<em>Fliehen<\/em>\u00bb.<\/li>\n\n\n\n<li class=\"has-background\" style=\"background-color:#f2efef\"><strong>Pseudohelfer<\/strong>: Verharmlosen, \u00fcbertriebenes Verst\u00e4ndnis (\u00ab<em>Bei mir gibt es keine Probleme\u00bb, \u00abIch verstehe diesen Jugendlichen als einziger<\/em>\u00bb, \u00ab<em>so sind die M\u00e4nner halt<\/em>\u00bb, etc.). Die Situation wird ausgeblendet, wichtiger ist es der Person, sich selbst emotional zu stabilisieren. Wenn dann doch ein Problem zum Vorschein kommt, wird es auf dem schnellst m\u00f6glichen Weg wieder unter den Teppich gekehrt. Die Amygdala signalisiert \u00ab<em>Totstellen<\/em>\u00bb.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Eine ausgewogene, neutrale Reaktion und Bewertung der Situation ist nat\u00fcrlich auch denkbar, doch f\u00fcr viele Teammitglieder wird dies nicht von Anfang an m\u00f6glich sein: Die Voraussetzung daf\u00fcr w\u00e4re, dass die Amygdala nicht aktiv ist. Wer keine Angst hat, braucht auch keine Angstreaktion. F\u00fcr alle anderen gilt es nun, sich mit der Angst auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4lliges, provokantes Verhalten hat oft seinen Ursprung in den Bed\u00fcrfnissen der Person, die es zeigt. Oft geht es um eigene Emotionen um eigenen Stress, eine Person versucht sich durch das Verhalten emotional zu stabilisieren. Auff\u00e4lliges Verhalten ist in dieser Interpretation ein selbstbezogenes Verhalten. Es geht nicht um uns, es geht um das, was das Verhalten f\u00fcr die-\/ denjenigen die\/ der es zeigt, f\u00fcr eine Wirkung hat.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e4ter, Opfer und Pseudohelfer interpretieren das Verhalten aber als bedrohlich und beziehen es damit auf sich.&nbsp; Nat\u00fcrlich bezieht ein Mensch eine Bedrohung auf sich. Denken Sie an eine Gefahrensituation in der Natur: Ein Grizzlyb\u00e4r steht vor Ihnen! Das nicht auf sich selbst zu beziehen w\u00e4re im Ernstfall lebensverk\u00fcrzend. Jetzt gibt es aber keinen Grizzlyb\u00e4ren. Nur eine Amygdala, die noch nicht gelernt hat, zwischen Grizzlyb\u00e4ren und verhaltensauff\u00e4lligen Jugendlichen zu unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Moment, in dem ein solches Muster beginnt, zu arbeiten, ist der Weg f\u00fcr andere Optionen versperrt. Die Interpretation des Angriffs wird vom Grosshirn \u00fcbernommen und die Reaktion darauf wird das weitere Verhalten bestimmen. Das Ziel dabei ist aus der Sicht des Gehirns: Koh\u00e4renz herstellen. Ordnung und Ruhe herstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn diese Haltung oder die daraus folgenden konkreten Massnahmen nicht weiterhelfen, dann gibt es in der Logik des Gehirns folgenden Plan: \u00ab<em>Mehr vom Gleichen<\/em>\u00bb. Die Inkoh\u00e4renz ist noch nicht behoben. Das Muster zu wechseln ist in der angespannten Situation nicht mehr m\u00f6glich. Die Wahrnehmung von anderen Optionen ist durch die aktive Amygdala stark eingeschr\u00e4nkt. Also bleibt nur noch, das bereits gew\u00e4hlte Muster st\u00e4rker anzuwenden. Vielleicht hilft es ja dann aus der Inkoh\u00e4renz heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist \u2013 etwas vereinfacht \u2013 die Situation, die zu Eskalationen f\u00fchren kann: Eine Beziehung zwischen Sch\u00fcler und Lehrer ger\u00e4t ausser Kontrolle, ein Jugendlicher l\u00e4sst sich absolut nichts sagen, jemand ritzt sich in Belastungssituationen in den Arm \u2013 es gibt viele Probleme im p\u00e4dagogischen Alltag. Daraus neue Wege heraus zu finden, beginnt mit der Suche nach dem Muster, nach dem all das funktioniert. Die Bed\u00fcrfnisse und Muster der Beteiligten zu kennen ist gewinnbringend.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-background\" style=\"background-color:#e4e4e4\"><a>Was heisst das f\u00fcr den Alltag?<\/a><\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li class=\"has-background\" style=\"background-color:#e4e4e4\">Das Muster war schon immer da, Menschen haben meist mehrere und es wird sie ihr Leben lang begleiten. Sie k\u00f6nnen es sich bewusstmachen und sie k\u00f6nnen ihm noch ein paar andere Muster zur Seite stellen. Dann ist es nicht mehr so alleine.<\/li>\n\n\n\n<li class=\"has-background\" style=\"background-color:#e4e4e4\">Manche Menschen werden leugnen, dass Sie ein Muster haben. Das verz\u00f6gert die Auseinandersetzung mit dem Muster, denn es ist trotzdem da.<\/li>\n\n\n\n<li class=\"has-background\" style=\"background-color:#e4e4e4\">Wenn die Meisten, die an einem Konflikt beteiligt sind, auf drei Arten reagieren, ist der Weg frei f\u00fcr eine neue Offenheit: Wir k\u00f6nnen uns \u00fcber den Weg unterhalten, den unsere Muster uns vorgeben. Wir k\u00f6nnen den Stress thematisieren und das, was eine Situation in uns ausl\u00f6st. Das w\u00e4re eine neue Ebene der Reflexionskompetenz.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ging hoch her in der Lehrersitzung. 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